Berichte aus der Praxis und Forschung sowie Produktvorstellungen kennzeichneten den BPMN Anwendertag 2011, der am 29. und 30. September 2011 am Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam stattfand. Das wunderschöne Spätsommerwetter lud eigentlich eher zum Flanieren ein, aber die Vorträge entschädigten allemal für den Verzicht. Nachfolgend möchte ich einen kurzen Abriss über die sehr interessante Veranstaltung geben.
Dieses Jahr wurde das Programm in drei Tracks gegliedert um allen Teilbereichen der BPMN gerecht zu werden. Anbei einige Notizen, die ich während der Vorträge gemacht habe:
Track I: Fachliche Modellierung (Moderator: Prof. Dr. Thomas Allweyer, FH Kaiserslautern):
In einer Studie des Fraunhofer Instituts wurde festgestellt, dass beim Requirements Engineering mit Use Case die meisten Fehler/Ungenauigkeiten auftraten. EPKs eignen sich vor allem bei einfachen Zusammenhängen, da sie sehr schnell recht komplex werden. BPMN ist (unter der Vorraussetzung der genauen Kenntnisse der Notation und deren Einhaltung!) daher am ehesten geeignet, um komplexere Anforderungen zu modellieren.
Weiterhin wurde in den Vorträgen deutlich, dass “one shapeset doesn’t fit all” meist zutrifft und daher eine zielgruppenspezifische Auswahl der BPMN-Elemente notwendig ist. Diese Auswahl kann (sollte) aber im Laufe eines Projektes mit den steigenden Kenntnisse erweitert werden. Für das obere Management genügt meist eine einfache Darstellung des Happy-Path, erst in den weiteren Detaillierungsebenen sollten auch Exceptions modelliert werden. Als hilfreich erweist sich auch immer, zu Beginn ein Glossar der Begrifflichkeiten anzulegen.
Auch in der öffentlichen Verwaltung spielt BPMN eine Rolle, zumindest in BaWü. Hier wurden die Prozesse in der Forstverwaltung analysiert und dokumentiert. Nun wird geprüft, ob mit dem verwendeten Tool (MID Innovator) die Handbücher und jegliche weitere Dokumentation mit BPMN abgelöst werden können. Sicher auch ein interessanter Ansatz für ähnliche dokumentationsintensive Bereiche wie Banken und Versicherungen oder das Gesundheitswesen.
Mit einem Vortag der Opitz Consulting ging der Tag fast dann zu Ende. Beachtenswert in diesem SOA-Projekt waren die Notwendigkeit der exakten Nachvollziehbarkeit und die Traceability des BPMN-Modells, der zugehörigen Artefakte, der abgeleiteten SOA-Services und der Dokumentation mindestens zu definierten Zeitpunkten (Quality Gates). Dies wurde mit BPM in Kombination mit UML in einer Toolchain aus Oracle und MID gewährleistet.
Am Abend gab es dann noch eine gelungen Veranstaltung zum Netzwerken im Potsdamer Kutschstallensemble.
Track II: Prozessautomatisierung (Moderator: Jakob Freund, camunda services GmbH):
Im Rahmen der Prozessautomatisierung wurde mehrfach die Problematik der notwendigen Versionierung (technische vs. fachliche Änderungen der Modells) thematisiert. Wobei keine allgemeingültige Lösung genannt werden konnte.
Ebenfalls bemerkenswert zu erkennen war, dass es viele Eigenentwicklungen gibt. Sei es im Rahmen von generischen Pattern mit Sprüngen (Prozess wird mit goto neu gestartet), implementierten Geschäftsregeln mit BPMN, einer Universal Work List oder gleich ganze Parser und Transformatoren. Man wird gespannt sein dürfen, ob dieser Trend bei der neueren Tool-Generation anhält?!
Track III: Fallstudien (Moderator: Prof. Dr. Andreas Gadatsch, FH Bonn Rhein-Sieg):
In diesem Track wurden einige interessante praktische Aspekte genannt:
- Prozess Owner / Prozessmanager (operativ) / Prozesskoordinator sollte immer definiert sein
- Prozesslandkarten für das Management (und auch für die Mitarbeiter) sind hilfreich
- Einführung von Prozessen (mit BPMN) führt fast zwangsläufig auch zu Änderungen in der Organisationsstruktur
- Transparenz und Einbeziehung aller Mitarbeiter enorm wichtig:
- durch Dokumentation im Intranet
- durch Multiplikatoren
- durch klar definierte Regel und Verantwortlichkeiten - Klare Vorgaben für die Modellierung:
- Styleguide für Layout
- Verwendung der Elemente
- Leitfaden
Die meisten Vorträge können auch online mittels tele-TASK ang
esehen werden. Leider gibt es die Präsentation nicht zum Download…
Allgemeine Anmerkungen zu den Entwicklungen im BPM(N) Bereich:
- Viele Unternehmen nutzen die BPMN Notation in den sogenannten oberen Ebenen (Management-Ebene) und halten sich dann nicht streng an die Modellierungsregeln. Man könnte es auch BPMN “light” nennen. Es ist aber de-facto eine Trennung vom Prozess (als Prozesslandkarte) und dem BPMN Regelwerk. Der Hintergrund dieser Trennung ist die Notwendigkeit der Darstellung auch von Hierarchien und Beziehungen. Diese Trennung muss dann spätesten bei der Prozessautomatisierung, vorzugsweise aber schon weit davor, wieder aufgehoben werden. Dieser Nachteil wird aber dadurch kompensiert, dass eine einheitliche Symbolik verwendet werden kann.
- Trotz der Problematik der Komplexität der Notation und die Vielzahl der vorhandenen Elemente modellieren auch Fachabteilungen Kollaborationsmodelle mit Kundenbeziehungen. Dies zeigt deutlich, dass die strikte Trennung von IT und Business immer mehr aufgeweicht wird und sich die IT diesen Herausforderungen stellen muss.
- Generische Pattern sind momentan nicht Bestandteil des BPMN 2.0 Standards werden aber in der Community stark diskutiert und es gibt Bestrebungen diese in der nächsten Version des Standards mit aufzunehmen. Wobei SAP bereits eigene Pattern anbietet (Stichwort Enterprise Integration Patterns).
- Immer wieder wird in den Vorträgen und bei den Diskussionen darauf hingewiesen, dass nicht die Wahl des Tools entscheidend ist, sondern die Einbeziehung und das Engagement der beteiligten Menschen. Besonders interessant in diesem Zusammenhang war die Vorführung eines t.BPM (tangible business process modeling) Methodenkoffer des HPIs, mit dem ein Prozess in einem Workshop gemeinsam definiert werden kann. Hierzu ein paar Impressionen. Besonders imposant war dabei zu sehen wie gemeinsam auf einem Tisch ein Prozess entsteht, verbessert wird, Rollen und Verantwortlichkeiten geklärt werden und dies im Vergleich zu einem Flipchart sehr dynamisch geschehen kann. Das HPI (Herr Alexander Lübbe) legt momentan eine Kleinserie auf. Meiner Ansicht nach für Weiterbildungen ideal, ob es im Unternehmen in der Praxis eingesetzt werden kann hängt wahrscheinlich stark von der Experimentierfreudigkeit der Fachabteilung oder der Überzeugungskraft des Consultants ab.
Zusammenfassend war es eine äußerst interessante und informative Veranstaltung, die ich nur jedem empfehlen kann…